“Ganz
Argentinien weint“, hieß es gestern, als der Tod von
Mercedes Sosa vermeldet wurde. Die Grande Dame
der „Nueva Canción“ ist im Alter von 74 Jahren
in Buenos Aires an einem Leberleiden gestorben. Niemand hat das
südamerikanische Lied seit den 1960ern so geprägt wie
die Frau aus San Miguel de Tucumán, wo sie 1935 geboren wurde
und mit der Folklore des Nordwestens und den Traditionen ihrer indianischen
Vorfahren aufwuchs. Anfang der 1960er begründete sie mit ihrem
Ehemann den argentinischen Ableger der panamerikanischen Bewegung
des Neuen Liedes, die sich einerseits radikal gegen die herrschenden
politischen Verhältnisse stellte und gleichzeitig eine Befruchtung
traditionellen Kulturgutes durch aktuelle, expressive Poesie und
Kunst anregte.
Sosa entschied sich für eine poetische, nicht militante Haltung
in ihren Canciones, Inspirationen empfing sie über Landesgrenzen
hinweg von Atahualpa Yupanqui, Violeta
Parra, Silvio Rodriguez und Milton
Nascimento. Bereits in den späten Sechzigern hatte
sie Auftritte rund um die Welt, wurde in ihrer Heimat liebevoll
als „La Negra“ verehrt. Den Militärs, die 1976
an die Macht kamen, war sie ein Dorn im Ohr, Ende der Siebziger
ging sie nach einer Verhaftung während eines Konzerts für
vier Jahre ins Pariser und Madrider Exil. Nach der Rückkehr
kämpfte sie unvermindert weiter für Menschenrechte, insbesondere
für die der Frauen, wurde von der UNESCO geehrt und erhielt
für ihre Neueinspielung der „Missa Criolla“ 2000
einen Grammy. Aus ihren jüngeren Aufnahmen ragt außerdem
"Corazón Libre" heraus, auf dem argentinische Dichtung
der Jetztzeit mit Folklore gepaart wird.
Vor zwei Wochen schon war sie in die Klinik eingeliefert und schließlich
von den Ärzten in ein künstliches Koma versetzt worden.
Nun hat Lateinamerika seine prominenteste Stimme verloren, die Interpretin
auch eines der bekanntesten und bewegendsten Hymnen des ganzen Kontinents,
„Gracias A La Vida“. Sosas Leichnam ist im Parlament
aufgebahrt, wo seit gestern große Menschenmengen von ihre
Abschied nehmen. Ihr letztes Album „Cantora“, wie schon
etliche ihrer 70 Platten zuvor mit jungen Gesangskollegen aus ganz
Südamerika eingespielt, unter ihnen Caetano Veloso,
Shakira und Daniela Mercury, wird
am 30. Oktober nun posthum erscheinen.
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