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Jazz thing 76

Tropical World Clash oder Weltmusik-Crash?
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15.12.2008
 
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17.11.2008

Ballake Sissoko, Rajery, Driss El MaloumyEin Jahr geht zu Ende, in dem die Weltmusik immer mal wieder totgesagt wurde. Nach dem allmählichen Verebben des Balkan-Booms, dem Stagnieren von Tango Electronico und den letzten Zuckungen von Kuba-Fieber waren im vergangenen Jahr keinerlei neue Trends auszumachen. Die Olympischen Spiele konnten nicht als internationaler Antriebsmotor für chinesische Musiker dienen. Selbst der 50. Geburtstag der Bossa Nova wurde nur als alter Wein in neuen Schläuchen kredenzt. Kurioserweise kreiert die Pop-Presse, die über den Terminus Weltmusik seit eh und je mit zwanghafter Verächtlichkeit geschnaubt hat, derweil neue World-Hypes. Plötzlich ist „Afrobeat“ in, hat aber viel weniger mit den Kutis als mit Bands aus Brooklyn und Oxford zu tun, die ein wenig Percussion und Klickgitarren für sich entdeckt haben. In London mixen DJs neuerdings mit Schützenhilfe der Medien unter dem Etikett „Tropical“ oder „Tropical World Clash“, womit einem Mischmasch aus Vielem von Balkan Beat bis Baile Funk mal schnell ein schicker Name aufgepappt ist. Als ob Weltmusik gerade eben erst im Club angekommen wäre...

Tatsächlich aber gab es 2008 auf dem weiten Parkett der World und Roots Music großartige Ereignisse – und die entschlüpften selbstbewusst der Notwendigkeit eines Trends. Sie sind vielmehr das, was man sich von einem lebendig bleibenden Genre wünscht: Einzelleistungen herausragender Musiker. Da hilft schon ein Blick auf die Jahresabrechnung der EBU World Music Charts: Rokia Traoré ist mit ihrem neuen Werk, das westliche und afrikanische Perspektiven auf den Kopf stellt, ganz vorne mit dabei. Ebenso die Garifuna-Frauen von Umalali aus Belize, die ihre Alltagslieder ins 21. Jahrhundert tragen, sanft aufgepeppt und nicht plakativ verpoppt.

Spitzenreiter jedoch, und damit bei fast 50 europäischen Radio-DJs meistgespielte CD des Jahres 2008 ist das Trio 3MA (Foto): Der Madagasse Rajery an der Röhrenzither Valiha, der Malier Ballaké Sissoko an der Kora und der Marokkaner Driss El Maloumi an der Oud zelebrieren panafrikanisches Saitengeflecht. Vom Indischen Ozean über die Savanne bis zum Maghreb bringen die drei unterschiedlichste Kulturen des Schwarzen Kontinents schlüssig unter einen Hut. So formidabel das auch funktioniert, das Projekt zeigt jedoch auch, dass Weltmusik weiterhin Utopien abbildet. In einem Jahr, in dem Afrika mit Krisen und Kriegsherden von Simbabwe über den Kongo bis Darfur von einer zuversichtlichen Zukunft weiter entfernt scheint denn je zuvor, muten solche Experimente wie idyllische, unbedeutende Kollateral-Ereignisse an.

Dass für Sie im neuen Jahr kleine Utopien wahr werden mögen, wünschen wir Ihnen, unseren Lesern, ebenso wie frohe Festtage und einen guten Rutsch. Am 12. Januar sind wir mit neuen spannenden Nebenschauplätzen zurück.
Stefan Franzen

 
Spitzenreiter der EBU World Music Charts sind Rajery, Ballaké Sissoko und Driss El Maloumy mit 3MA