Ein
Jahr geht zu Ende, in dem die Weltmusik immer mal wieder totgesagt
wurde. Nach dem allmählichen Verebben des Balkan-Booms, dem
Stagnieren von Tango Electronico und den letzten Zuckungen von Kuba-Fieber
waren im vergangenen Jahr keinerlei neue Trends auszumachen. Die
Olympischen Spiele konnten nicht als internationaler Antriebsmotor
für chinesische Musiker dienen. Selbst der 50. Geburtstag der
Bossa Nova wurde nur als alter Wein in neuen Schläuchen kredenzt.
Kurioserweise kreiert die Pop-Presse, die über den Terminus
Weltmusik seit eh und je mit zwanghafter Verächtlichkeit geschnaubt
hat, derweil neue World-Hypes. Plötzlich ist „Afrobeat“
in, hat aber viel weniger mit den Kutis als mit Bands aus Brooklyn
und Oxford zu tun, die ein wenig Percussion und Klickgitarren für
sich entdeckt haben. In London mixen DJs neuerdings mit Schützenhilfe
der Medien unter dem Etikett „Tropical“ oder
„Tropical World Clash“, womit einem Mischmasch
aus Vielem von Balkan Beat bis Baile Funk mal schnell ein schicker
Name aufgepappt ist. Als ob Weltmusik gerade eben erst im Club angekommen
wäre...
Tatsächlich aber gab es 2008 auf dem weiten Parkett der World
und Roots Music großartige Ereignisse – und die entschlüpften
selbstbewusst der Notwendigkeit eines Trends. Sie sind vielmehr
das, was man sich von einem lebendig bleibenden Genre wünscht:
Einzelleistungen herausragender Musiker. Da hilft schon ein Blick
auf die Jahresabrechnung der EBU World Music Charts: Rokia
Traoré ist mit ihrem neuen Werk, das westliche und
afrikanische Perspektiven auf den Kopf stellt, ganz vorne mit dabei.
Ebenso die Garifuna-Frauen von Umalali aus Belize,
die ihre Alltagslieder ins 21. Jahrhundert tragen, sanft aufgepeppt
und nicht plakativ verpoppt.
Spitzenreiter jedoch, und damit bei fast 50 europäischen Radio-DJs
meistgespielte CD des Jahres 2008 ist das Trio 3MA
(Foto): Der Madagasse Rajery an der Röhrenzither Valiha, der
Malier Ballaké Sissoko an der Kora und der Marokkaner Driss
El Maloumi an der Oud zelebrieren panafrikanisches Saitengeflecht.
Vom Indischen Ozean über die Savanne bis zum Maghreb bringen
die drei unterschiedlichste Kulturen des Schwarzen Kontinents schlüssig
unter einen Hut. So formidabel das auch funktioniert, das Projekt
zeigt jedoch auch, dass Weltmusik weiterhin Utopien abbildet. In
einem Jahr, in dem Afrika mit Krisen und Kriegsherden von Simbabwe
über den Kongo bis Darfur von einer zuversichtlichen Zukunft
weiter entfernt scheint denn je zuvor, muten solche Experimente
wie idyllische, unbedeutende Kollateral-Ereignisse an.
Dass für Sie im neuen Jahr kleine Utopien wahr werden mögen,
wünschen wir Ihnen, unseren Lesern, ebenso wie frohe Festtage
und einen guten Rutsch. Am 12. Januar sind wir mit neuen spannenden
Nebenschauplätzen zurück.
Stefan Franzen
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