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Als Jason mit den Argonauten ins Schwarze Meer
einfuhr, waren seine Absichten nicht sehr friedlicher Natur. Der
Gitarrist Zaza Miminoshvili und seine georgischstämmige Band
The Shin aus dem Raum Stuttgart sehen den Raub des goldenen Vlies’
heute jedoch symbolisch: „Ich deute die antike Sage als Begegnung
der Dynamik des Westens mit der Mystik des Ostens, das Vlies steht
ja auch für das Wissen, für einen Schatz, den man im friedlichen
Sinne gewinnen kann.“
Und so sitzen The Shin auf dem Cover ihrer neuen CD „Black
Sea Fire“ (Jaro) in einem Boot, das sie in Anlehnung an das
antike Schiff Argo getauft haben. Mit allen Anrainerstaaten des
Schwarzen Meers, dem „buntesten der Welt“ wie sie sagen,
haben sie in der Tat einen Schatz gehoben: Auf ihrem Konzeptwerk
musizieren sie mit über 20 Gästen aus Bulgarien, der Ukraine,
Moldawien und der Türkei, unter ihnen der Flötenmeister
Theodosii Spasov.
„Wir haben uns in jede der Kulturen eingefühlt und zusammen
die Arrangements erarbeitet“; so Zaza, „mit Logik, Improvisation
und Emotion zu gleichen Teilen entstand ein neues musikalisches
Idiom, die Schwarzmeersprache. Bei allen Unterschieden konnten wir
viel Gemeinsames entdecken, die geheimnisvolle Verwandtschaft etwa
zwischen bulgarischer Polyphonie und den byzantinischen Gesängen
Georgiens, die mir bisher kein Musikwissenschaftler erklären
konnte.“
Der klassisch und jazzig geschulte Saitenmeister und die anderen
Gründungsmitglieder von The Shin befuhren ursprünglich
die Gegenrichtung des sagenhaften Jasons: Anfang der 1990er kamen
sie aus Tiflis nach Deutschland und erweiterten hier ihren Horizont
zu der einzigartigen Klangsprache, die heute den Charakter des Ensembles
ausmacht. Miminoshvili entdeckte von Mitteleuropa aus indische Musik
und den Flamenco, übertrug dessen Techniken auf die georgischen
Wurzeln.
Der so konstruierte west-östliche Diwan von The Shin ist hochvirtuos
und witzsprühend zugleich, hantiert mit Anklängen an Paco
De Lucia und John McLaughlin, zelebriert eine türkische Hochzeit,
erzählt von der Liebe eines Tataren zu einer Ukrainerin, greift
Theodorakis-Melodien und Deep Purple-Riffs auf. Und in jedem Takt
lauern feurige Freiheitsgedanken: „Wenn du genau hinschaust,
entdeckst du auf dem Coverbild eine Ausgabe der Prawda. Die ist
ein Symbol für die schlimme Sowjet-Zeit, die uns und unsere
Nachbarn ins selbe System gezwungen hat“, erklärt Zaza.
Kürzlich flammte die dunkle Epoche wieder auf, denn im Georgien-Krieg
von 2008 musste er um seine Familie und sein Haus in Tiflis bangen.
„Heute jedoch sitzen wir aus freien Stücken zusammen
in einem Boot, das nun kein System mehr verkörpert, sondern
die Kultur an sich. Politik ist eine Sackgasse, die Kultur ist die
„Prawda“, die einzige Wahrheit, die uns weiterbringen
kann.“
Text: Stefan Franzen
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