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Jazz thing 81
Nummer 81
November 2009 - Januar 2010

Miísia . Lissabon im Koffer [2/2]
 

Der Fado „Rapsódia Dos Tres Poetas“ klingt wie ein Gesang, der vom Nebel über dem Fluss aufsteigt…

Ja! Der Fado ist der Nebel über dem Wasser!

...und er verbindet drei sehr unterschiedliche Dichter und Stimmungen…

Den unglücklichen Mario de Sá Carneiro, ein Zeitgenosse Pessoas; António Botto, den zu seinen Lebzeiten kaum jemand verstanden hatte und der auch ein Freund von Pessoa war; Ary dos Santos, der Großbürgersohn, der mit seiner Familie brach, sich mit allen möglichen Jobs durchschlug und über sechshundert Liedtexte schrieb, vor allem Fadotexte. Die Rapsódia habe ich aus drei Gedichtfragmenten der drei Dichter zusammengesetzt:

„Ich trage auf meinen Schultern die Straßenecken, die Balkone trage ich auf der Brust und die kleinen Steine sind das Bett, in das ich mich lege.

Der Mond zog über den Himmel mit seinem Sternenband/ zu seinen Füßen kam ungekämmt die Morgendämmerung von fern/Samtig schienen/Wellen aus Blut und Wein.

Noch etwas mehr Sonne und ich wäre Asche/ noch etwas mehr Blau, und ich wäre jenseits/ um es zu erreichen, fehlte mir ein Flügelschlag/ wenn ich wenigstens im Diesseits geblieben wäre…

Es kreisen in mir/ Wunder, Geheul und Schlösser/ Hohe Elfenbeintürme/ Blitze und Alpträume /kreisen in mir.

Du nanntest mich dein Leben/ die Seele möchte ich sein/ Das Leben endet mit dem Tod/ die Seele stirbt niemals.

Vor 20 Jahren hätten die Fado-Puristen aufgeheult.

Der Fado hat sich immer verändert, er ist ein urbanes Lied, ein künstlerischer Ausdruck der Stadt. Es wäre etwas Neues, wenn er sich nicht ändern würde! Unzählige Fadomusiker, Sängerinnen und Sänger haben dem Fado ihren eigenen Ausdruck gegeben, Fado war niemals eine statische Kunstform, die im Museum verstaubte.

Warum hast du „Lisboarium“ Eduardo Prado Coelho gewidmet (dem vor zwei Jahren verstorbenen Essayisten und Literaturkritiker, der in Portugal eine Institution war)?

Zu einer Zeit, als es bei den Linken absolut verpönt war, Fado zu singen, hatte Eduardo Prado Coelho den Mut, öffentlich zu sagen und zu schreiben, dass er meine Fados mochte. Damals saß ich zwischen allen Stühlen: Die Linken lehnten Fado ab, weil er zu sehr mit der Diktatur verbunden war, und die Fado-Fans mochten meinen ‚literarischen’ Fado nicht, weil sie ihn für ein Sakrileg hielten. Außerdem war Eduardo Prado Coelho einer der besten Köpfe Portugals und ein ungemein kluger und liebenswürdiger Mensch.

Kommen wir zur zweiten CD, „Tourists“. Du bist eine heimliche Rockerin?

Jaaa! Ich habe eine geheime Rockerseele, ich liiieebe Led Zeppelin! Es hat mich unglaublich befreit, Rock zu singen. Das ist für mich, als wäre ich eine subversive Dame, die ihre Jugend noch mal erlebt. Ich bin extrem neugierig und sauge andere Musiken auf wie ein Schwamm. Normalerweise ist es doch so: Man verlässt sein Haus, um irgendwohin zu gehen, man hat ein Ziel. Ich nicht. Ich gehe raus, um in die Welt zu gehen. „Le monde nous arrive“, die Welt geschieht uns, sie kommt bei uns an. Und überall habe ich Musiken gefunden, die wie der Fado sind: mexikanische Rancheras (herrlich schräg und schmalzig), türkische und neapolitanische Lieder, japanischen Enka, Flamenco, Rocksongs.

Also keine Schublade für Mísia, die grande dame des Fado?

Ich bin nicht ‚entweder-oder’, ich bin ‚dieses und dieses und dieses’. Ich will mich nicht entscheiden müssen, ob ich dies oder das bin, ich will beides sein dürfen. Oder eben drei oder vier oder fünf verschiedene Dinge. Dabei war mir schon ziemlich mulmig, als ich die Lieder von „Tourists“ zum ersten Mal vor portugiesischem Publikum gesungen habe — ich hatte Angst, die Leute würden einfach den Saal verlassen, weil ich ihnen unverdauliche Brocken vorsetze.

Aber das haben sie doch nicht etwa?

Nein, Gottseidank, sie sind geblieben und haben sogar applaudiert. (lacht)

Wie bist du auf „Hurt“ gekommen?

Das habe ich zuerst in der Version von Johnny Cash gehört und es setzte sich einfach in mir fest. Es hat einen apokalyptischen Text und ist ein authentischer Fado!

Und was hat dich nach Neapel geführt?

Na ja, eine Liebesgeschichte, was sonst… (lacht). Die Liebesgeschichte ist zwar vorbei, aber die Liebe zur Stadt ist geblieben. Neapel ist eine Stadt mit zwei Gesichtern: da gibt es das barocke, düstere Neapel mit Kirchen voller Totenschädel, und wenn man die alle gesehen hat, weiß man definitiv, dass das Leben mit dem Tod endet und wir auch demnächst womöglich als Schädel in einer Kirche oder sonst wo hängen… (lacht). Dann hilft nur eines: neapolitanische Lieder hören und die heitere, mediterrane Stadt genießen, die natürlich besonders heiter ist, wenn man verliebt ist…

Und der Brückenschlag zwischen Fado und japanischem Enka?

Als ich in Japan Konzerte gab, sagte man mir immer: Euer Fado ist wie unser Enka, Du musst mal die Sängerin Hibari Misoga hören, eine Sängerin wie Edith Piaf oder Amalia Rodrígues. Enka ist die Musik der Geishas und erzählt oft von traurigen Liebesgeschichten. Über den japanischen Sänger Tumuya, der auch in Paris lebt, habe ich noch mehr darüber erfahren.Und dieses Lied hat sogar einen typischen Fado-Text: Eine Frau steht am Kai, es steigt Nebel auf, sie sie sehnt sich zurück zu ihrem Geliebten…

Zwei letzte Fragen. Was fehlt noch? Welche Lieder würdest du noch gern singen?

Songs von Nina Simone zum Beispiel. Ich hatte schon einen ausgewählt, aber er passte nicht mehr auf die CD. Und dann Lieder von Hildegard Knef und von Zarah Leander. Mindestens von diesen drei Frauen will ich etwas singen.

Bist du eigentlich ein eher melancholischer Mensch?

Ich lache sehr viel, vor allem über mich selbst. Meine Oma arbeitete im Cabaret El Molino in Barcelona, sie rauchte und hatte einen Papagei, der Revuelieder schmetterte. Von ihr habe ich gelernt, die Dinge zu relativieren und zu begreifen, dass Lachen und Tränen vom selben Ort kommen, aus dem tiefsten Innern. Ich bin gleichzeitig eine fröhliche und eine traurige Frau — aber auf keinen Fall diese ernste Diva, die Misia auf der Bühne ist.

Interview: Ulli Langenbrinck

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Feature: Miísia. Lissabon im Koffer