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Jazz thing 64

Mika Kaurismäki. Das komplette Interview [1/4]
 

Von der Vorliebe der Finnen zum Tango wissen wir. Tummelt sich aber einer der ihren im Hoheitsgebiet von Forró, Samba und Chôro, dürfte er dort eher allein auf weiter Flur sein. Regisseur Mika Kaurismäki hat in Brasilien nicht nur Filmstoff ohne Ende gefunden, sondern auch seine zweite Heimat. Mit dem Streifen „Brasileirinho“ feiert er nun den Chôro, das älteste Musikgenre des Landes, begleitet durch einen exquisiten Soundtrack. Grund für Stefan Franzen, persönlich nachzuhaken: „Wie — und vor allem — warum haben Sie’s gemacht, Herr Kaurismäki?“ Zugleich verriet der Finne Einiges über seine Zukunftsprojekte. Hier könnt ihr als Sekundärliteratur zum Artikel im Heft das gesamte Interview nachlesen.

Blue Rhythm: Sie haben ja schon Anfang der 1990er einen Film im Amazonas gedreht, wann genau war Ihr erster Kontakt mit Brasilien bzw. brasiliansicher Musik?

Mika Kaurismäki: Am Anfang meines Filmes „Moro No Brasil“ erzähle ich eine Geschichte über meinen ersten Kontakt zu brasilianischer Musik, nämlich als ich 1970 eine Deep Purple-Platte gegen eine brasilianische eingetauscht habe. Von Finnland aus gesehen ist Brasilien ja am anderen Ende der Welt, da gab es ganz andere Rhythmen, die mich damals im kalten Winter von Finnland erreichten. Ich mochte auch Rock’n’Roll, aber dieses Andere, das hat mich fasziniert. Selbst bin ich erstmals wegen meines Films „Helsinki-Napoli“ nach Brasilien, da habe ich für eine Woche Pressetermine dort gehabt, als der Film dort in die Kinos kam. Statt einer Woche bin ich dann drei Monate dort geblieben, rumgefahren, bis zum Amazonas. Ein Jahr später habe ich dann den Film „Amazonas“ gemacht. Während der Dreharbeiten habe ich viele Freunde kennen gelernt, gemerkt, wie einfach das Leben dort ist. Ich habe mich nie bewusst entschieden, in Brasilien zu wohnen, aber irgendwann ist es dann ganz natürlich passiert. Meine Entscheidung hat viel mit der Landschaft und mit der Musik, aber auch mit den Leuten zu tun.

Blue Rhythm: Fühlen Sie sich zu einer bestimmten Region besonders hingezogen?

Mika Kaurismäki: Brasilien ist ja eigentlich kein Land sondern ein Kontinent. Natürlich ist Rio eine wunderschöne Stadt und für einen Filmemacher eine großartige Metropole mit viel Musik und Kultur, ein Zentrum. Deswegen bin ich dort geblieben. Das Amazonasgebiet hat es mir sehr angetan, aber ich könnte mir nicht vorstellen, dort zu wohnen. Die kulturellen Mischungen sind im Nordosten natürlich am interessantesten, wie man im „Moro“-Film auch sieht. Ich bin gerade dabei, von Rio nach Salvador umzuziehen, ich lebe schon in Salvador. Rio bleibt aber immer wichtig. Jeder hat bestimmte Klischeevorstellungen von Brasilien, aber wenn man dann da ist, merkt man die ungeheure Vielfalt. Jetzt zieht es mich immer mehr nach Nordosten. Ich weiß nicht warum, sicherlich die Mischung mit dem großen Anteil afrikanischer Elemente .

Blue Rhythm: Inwieweit verändert man sich als Finne, der in Rio lebt? Lernt man durch den großen Abstand vielleicht auch die finnische Kultur mehr zu schätzen und zu lieben, und besser zu verstehen? Oder haben sie die Brücken zu Finnland abgebrochen?

Mika Kaurismäki: Abgebrochen nicht, denn meine Familie ist da, meine beiden erwachsenen Töchter und mein Büro ist auch noch in Finnland., ich gehe regelmäßig hin. Ich kann beides haben. Aber es ist wahr, aus der Distanz sieht man anders. Das trifft in beide Richtungen zu: Auch meine Filme über brasilianische Musik sind anders, denn ich bin kein Brasilianer und habe einen anderen Blickwinkel. Mit der gleichen Distanz kann ich jetzt auf Finnland schauen, was es mir ermöglicht, einen Film über finnischen Tango zu machen. Aber wie ein Baum braucht auch jeder Mensch Wurzeln, um nicht umzufallen, und meine sind in Finnland, meine Antennen dagegen woanders. Ich kann eigentlich überall sein. Ich habe nie versucht und auch nie gewollt, ein Brasilianer zu werden. Trotzdem ist es für einen Ausländer dort einfach zu wohnen, denn man sieht ganz Blonde, Rothaarige, Schwarze — alle Farben sind dort vertreten.

Blue Rhythm: Wir wissen von der Vorliebe der Finnen zu einer ganz spezifischen Tango-Variante, aber wird in Finnland auch brasilianische Musik gehört oder bilden Sie da eher eine Ausnahme?

Mika Kaurismäki: Die brasilianische Musik ist schon populär. Wir haben jedes Jahr auch Karneval und ich glaube inzwischen sechs Sambaschulen. Die nehmen das ernst und sind sehr gut. Es gibt auch finnische Musiker, die exzellent brasilianische Musik spielen. Es gibt eine ziemlich große Fangemeinde für brasilianische Musik, und das beschränkt sich auch nicht auf Helsinki, das gibt es auch in Tampere, Lahti und Kokkola. Samba muss man miterleben, das ist nicht nur zum Zuhören wie Salsa und kubanische Musik, die es noch leichter hat in Finnland. Brasilianische Musik ist eine soziale Situation und funktioniert am besten, wenn sie live ist. Deshalb ist sie in Finnland nie so große geworden, weil man den Live-Eindruck schon braucht, es ist ein Ritual und keine Hintergrundmusik.

Blue Rhythm: In „Moro no Brasil“ präsentieren Sie ein breites Spektrum brasilianischer Musikstile, mit einem ziemlich großen Akzent auf dem Nordosten. Weshalb haben Sie sich im neuen Film gerade dem Choro gewidmet — war das ihr eigenes Bedürfnis oder wurde die Idee von außen an Sie herangetragen?

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