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Blue Rhythm: Hatten Sie am Anfang schon feste Vorstellungen davon, welche Aspekte des Choro im Film zu sehen und vor allem zu hören sein sollten, also Choro aus Bahia, Choro als Adaption des Samba Canção, Choro als Bossa-Adaption — oder haben Sie da die Regie ein bisschen dem Trio Madeira überlassen?
Kaurismäki: Ich wollte eine Gruppe als Zentrale haben, als Narrator. Ich dachte, ein Trio wäre optimal, denn die sind sehr flexibel und kennen auch viele Musiker und können in vielen Konstellationen mitspielen. Ich wollte die wichtigsten Instrumente zeigen und den ganzen Film als Roda de Choro anlegen. Ich habe als Beispiele immer ein Instrument, einen Musiker genommen, und das wächst dann immer mehr, es kommen immer mehr Musiker dazu, bis es ganz viel sind und dann kommt das große Konzert zum Schluss. Eine zentrale Rolle spielte die siebensaitige Gitarre, das Pandeiro, die Klarinette. Ich hatte bis 2001 drei Jahre lang einen Musikclub in Rio und hatte dort viele Musiker kennen gelernt, die jetzt in dem Film drin sind. Mein eigener Geschmack hat insofern auch eine Rolle gespielt. Es war hart für mich, dass so viele Musiker letztendlich nicht den Weg in den Film gefunden haben aufgrund der begrenzten Länge. Die Epoca de Ouro wollten wir auch drin haben, aber sie hatten gerade keinen Spieler der siebensaitigen Gitarre zur Verfügung. Auch Altamira Carrilho war krank zu der Zeit, deshalb ist die Flöte nicht so stark im Film.
Produktionstechnisch war es gar nicht einfach, mit dieser Menge an Musikern, auch wenn es einfach aussieht. Dann wollte ich auch zeigen, dass Choro nicht nur instrumental ist, sondern auch gesungen wird und getanzt. In der letzten Zeit. wird jetzt auch wieder Choro komponiert, Samba-Choros, lange Zeit war es eher so, dass Texte auf alte, bestehende Kompositionen gemacht wurde. Dabei ist der Choro die Grundschule für viele Komponisten gewesen, auf dem Soundtrack ist ein Jobim-Stück, das er damals gleich als Choro komponiert hat, auch Baden Powell und andere Bossa-Musiker haben sich dem Choro gewidmet, es war ihr Nährboden, die Seele für alles andere.
Blue Rhythm: Ihr nächster Film wird über den Jazzdrummer Billy Cobham sein, also der dritte musikalische Dokumentarfilm in Folge — das kann kein Zufall mehr sein. Was fasziniert sie an diesem Genre so sehr, dass Ihre Spielfilme dadurch in den Hintergrund treten? Sind Musikdokumentationen für Sie eine neue, vielleicht auch authentischere, spannendere Art, Geschichten über Menschen zu erzählen?
Kaurismäki: Schon, zur Zeit ja. Ich bin ja gewissermaßen wie die Jungfrau zum Kinde zu den Musikdokumentationen gekommen. „Moro No Brasil“ war ja ursprünglich auch nicht meine Idee, sondern das ging ja von arte aus. Die riefen mich an und fragten, ob ich einen Film über brasilianische Musik machen will. Ich dachte: Komisch, mich als Finnen fragen sie das, aber ich habe schnell zugesagt. Daraus hat sich dann alles Weitere entwickelt. Ich möchte auch weiter Fiction machen, aber zur Zeit finde ich das sehr spannend. Die Spielregeln für Fiction-Filme sind so eingefahren. Die Finanzierung, der Verleih — immer der selbe Zirkus. Bei Dokumentarfilmen kann man näher an die Menschen kommen. Und das spannende ist, dass man bei Dokumentarfilmen zwar vorher eine Vision haben muss, aber ein Drehbuch hat man nicht, man weiß nie, wie die Leute vor der Kamera reagieren, man zeigt den Film mit der Kamera.
Bei Fiktion ist das ein Riesenaufwand mit der Finanzierung und der Planung, dem Drehbuch. Wenn man dreht, überträgt man das Drehbuch auf Zelluloid, es ist mehr eine technische Leistung, wie man das alles möglichst ökonomisch hinkriegt, eine richtige Maschine. Bei den Dokus ist man freier, näher an der Substanz. Ich will versuchen, beides parallel hinzukriegen. Nächstes Jahr will ich wieder Fiction drehen, aber auch meinen Film über finnischen Tango. Ich lerne allerdings viel mehr, wenn ich diese Musikfilme mache, nicht nur als Regisseur, sondern auch als Mensch. Ich lerne dabei über die Menschen, über die Musik, über Brasilien , über die Menschheit überhaupt.
Blue Rhythm: Trotzdem haben sie kürzlich einen großartigen fiktionalen Film gemacht, „Honey Baby“. Für mich war die außergewöhnliche Adaption des Orpheus-Stoffes sehr faszinierend — auch hier gib es ja zwei brasilianische Versionen, den „Orpheu Negro“ von Marcel Camus aus den Fünfziger Jahren und den „Orfeo“ von Carlos Diegues. Als Sie Ihr Drehbuch zu „Honey Baby“ geschrieben haben, haben Sie sich da auch mit diesen brasilianischen Versionen beschäftigt?
Kaurismäki: Ich liebe den Film von Camus, den finde ich sehr schön. Unterbewusst mag es eine Rolle gespielt haben, dass ich das machen wollte. Aber der Film hat auch mit Musik zu tun. Orpheus war ja ein Musiker, und mich faszinieren Musiker wahrscheinlich deswegen, weil ich selbst nichts spielen kann. Orpheus war immer bei mir im Hinterkopf.
Blue Rhythm: Man könnte den Film auch den Untertitel geben: „von Halle in die Hölle“ - wie sind Sie gerade auf Halle als Ausgangspunkt des Roadmovies gekommen?
Kaurismäki: Ganz naheliegende Gründe - der Koproduzent kommt aus Halle. Man hätte natürlich auch in Berlin anfangen können, aber das wäre zu platt gewesen. Es war viel besser, das anonym zu starten, das passte auch zu der Hauptfigur Henry Thomas und seiner Lebenssituation, der in dieser anonymen Stadt landet, nachdem er große Shows gespielt hat. Ich finde auch, dass der Film eine sehr spannende Reise ist. Der Hauptdarsteller hat selbst fünf Lieder für den Film geschrieben und selbst gespielt, das Ganze ist eine sehr ungewöhnliche Reise nach Osten und Norden.
Blue Rhythm: Im Gegensatz zu Ihrer Musikkneipe in Rio sind die Musikkneipen in Helsinki noch am Laufen: welche Musik wird da gespielt — Ihre persönlichen Vorlieben, wer macht das Management, wer bucht die Künstler?
Kaurismäki: Wir haben ja mehrere Bars in Helsinki. Ich und mein Bruder und zwei andere Leute stehen dahinter. Die neue heißt „Dubrovnik“. Die Musik ist ganz unterschiedlich, im letzten Herbst habe ich eine Jazzreihe mit den fünfzehnbesten jungen Jazzern aus Finnland veranstaltet. Im letzten Frühjahr gab es eine Bluesreihe. Wir vermieten das auch an andere Leute, es legen auch DJs auf. Die Räumlichkeiten sind auch sehr geeignet für Unplugged-Shows, es passen etwa 150 Leute rein. Es ist gut gestartet, mal sehen wie es laufen wird.
Interview: Stefan Franzen
Weiterführende Links:
Brasilheirinho
Brasilheirinho Soundtrack
Mika Kaurismäki
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