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Blue Rhythm: In „Moro no Brasil“ präsentieren Sie ein breites Spektrum brasilianischer Musikstile, mit einem ziemlich großen Akzent auf dem Nordosten. Weshalb haben Sie sich im neuen Film gerade dem Choro gewidmet — war das ihr eigenes Bedürfnis oder wurde die Idee von außen an Sie herangetragen?
Mika Kaurismäki: Während der Dreharbeiten zu „Moro no Brasil“ wurde mir klar, dass ich nicht alle Stile der brasilianischen Musik in diesem Film haben kann. Ursprünglich wollte ich „Moro no Brasil“ mit Choro anfangen oder aufhören, aber dann merkte ich, dass das nicht geht, denn da ging es mehr um die rhythmisch bestimmten Traditionen. Choro hingegen dachte ich, das wäre ein Film für sich, weil es in vielerlei Hinsicht die Grundlage von allem ist, denn er war schon vor dem Samba da. Als ich dann bei der Premiere von „Moro no Brasil“ in der Schweiz war, stand nach der Vorführung ein Herr auf und fragte mich, warum denn kein Choro zu sehen gewesen wäre. Ich sagte ihm, dass es nicht mehr reingepasst hätte und dass ich gerne einen eigenen Film darüber machen würde. Da meinte dieser Herr, er würde das produzieren. Und das war Marco Forster, der vorher nie einen Film produziert hatte. Ein Schweizer, der die brasilianische Musik liebt und insbesondere eben auch den Choro, er spielt auch selbst. Das wurde dann eine sehr glückliche Zusammenarbeit.
Blue Rhythm: Was gefällt Ihnen am Choro besonders: ist es das soziale Umfeld, das Klassenunterschiede und Altersunterschiede aufhebt? Oder ist es auch der Charakter der Musik selbst?
Mika Kaurismäki: Es kommt alles zusammen. Niemand kann mir eigentlich richtig erklären, was Choro ist. Ist es wirklich ein Musikstil oder ein Art des Musikmachens? Ich glaube es ist mehr eine Art. Nachdem Samba populär geworden ist, ist Choro in eine kleine Ecke geraten, viele Musiker haben immer die gleichen Stücke in immer dem gleichen klassischen Stil gespielt — das hat man dann Chorinho genannt. Choro dagegen ist viel offener, viel breiter angelegt, das kann alles sein. Da kann man vom Jazz was nehmen, von der klassischen Musik vom Samba, also sehr flexibel. Der Charakter hängt sehr davon ab, wer jetzt gerade spielt, welche Formation zusammen kommt. Es ist sehr schön, wenn Du in eine Kneipe in Rio gehst und sie haben diese Roda de Choro, also eine Jamsession, dann siehst Du, dass es davon abhängt, wer gerade da ist, welche Art von Musik gespielt wird. Diese musikalische Brüderlichkeit, das ist das Schöne. Und auch die Virtuosität, denn man lernt nur schwer Choro spielen, wenn man nur zwei, drei Akkorde kennt, die meisten Choro-Musiker sind technisch sehr gut. Das erlaubt auch sehr viel Improvisation und viel Freiheit. Es ist sehr lebendig, die jungen Leute haben den Choro wiederentdeckt.
Blue Rhythm: Der Posaunist Zé da Velha sagt in dem Film, der Choro sei der „brasilianische Jazz“: würden Sie dem zustimmen?
Mika Kaurismäki: Auf jeden Fall hat der Choro Jazz-Aspekte, man darf aber nicht vergessen, dass er älter ist. Das ist einer jener Fälle, in der Welt, wo Sachen parallel passiert sind. Man denkt, ich habe eine neue musikalische Idee, dabei ist das, ohne dass man es weiß, schon woanders auch geschehen. Beim Choro und beim Jazz ist es sicherlich so, dass es Einflüsse in beide Richtungen gegeben hat. Das Improvisationselement ist allerdings im Jazz extremer: Du kannst da ganz frei improvisieren, und das ist genau das, was mir beim Jazz oft nicht gefällt. Mir liegt die Choro-Art der Improvisation mehr, denn sie ist eher eine sehr melodische, nicht so freie Variation des Themas, die die Musik weiterbringt, und es findet viel Dialogisieren statt. Im Jazz hingegen tritt ein Trompeter oder sonst ein großartiger Solist hervor und legt sein Solo hin, im Choro ist das alles kleinzelliger, dieses dauernde Kommunizieren mit kleinen Phrasen und Ideen, auf die man sich gegenseitig antwortet.
Blue Rhythm: Was ist Ihr Zielpublikum bei diesem Film — sind es ausschließlich die Brasilien-Aficionados oder denken Sie, dass der Choro auch ein Publikum begeistern kann, das sich ansonsten noch nicht für Brasilien interessiert hat?
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