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Jazz thing 61
Magazin für Jazz

Einer von Vielen.
Die Plattensammlung von Pierre Baigorry aka Enuff von Seeed [2/2]
 

„Die meisten meiner Songs kommen aus mir selbst. Wenn ich spazieren gehe, Fahrrad fahre, einkaufe oder sonst irgendwie in Bewegung bin, habe ich meist eine rhythmische Idee oder Hookline, aus der ich dann einen Song zu machen beginne. Es passiert aber auch - in letzter Zeit leider immer seltener - dass ich in einen Plattenladen gehe und mir in abstrusen Ecken Platten raussuche, die ich mir bestimmt nicht zum Anhören kaufe, sondern eher um zu gucken, ob man davon etwas samplen kann. Das kann zum Beispiel osteuropäische Folklore sein. Aber das ist die Ausnahme. Auf unserer neuen Platte sind höchstens zwei oder drei Samples. Die meisten Platten kaufe ich mir, weil ich sie mir anhören will. Sicher fließt alles, was man im Lauf seines Lebens gehört hat, in die eigene Musik ein, aber das ist kein bewusster Prozess.“

Zwischen all den Klassikern der Pop-Geschichte findet sich auch ein Cover von Seeed. Es muss ein gutes Gefühl sein, wenn man nach Jahrzehnten des Platten-Sammelns auch die eigenen Schöpfungen zwischen all die klingenden Fetische stellen kann. Pierre ist einen Moment nachdenklich, lässt ein pfeifendes Geräusch vernehmen und seufzt: „Ich kann mich eigentlich nicht so sehr an den eigenen Platten erfreuen. Mir fällt immer zuerst auf, was anders hätte sein können. Die Plattensammlung ist etwas anderes als die eigenen Platten. Die stelle ich nicht da rein und denke dann, ich wäre jetzt Teil der großen Musikgeschichte.“

Pierre ist nicht der einzige Plattensammler bei Seeed. Er betont, dass er nur einer von vielen ist und alle am kreativen Prozess Beteiligten über einen sehr weiten Musikgeschmack verfügen. Da immer alle Vorlieben unter einen Hut zu bringen, erfordert klare Regeln. „Wir stimmen ab. Das ist manchmal mühsam, aber auf Dauer die einzige Überlebenschance. Wir denken, wenn die Mehrheit etwas mag, ist die Chance relativ groß, dass es auch anderen gefällt. In Härtefällen gibt es auch ein Vetorecht. Diese Pistole kann man aber nicht zu oft ziehen, denn sonst müsste derjenige eben ein Soloprojekt machen.“

Lässt man den Blick durch Pierres Studio schweifen, so fällt auf, dass das Vinyl die CD deutlich überwiegt. In seinem Verhältnis zu den beiden gängigen Tonträgerformaten durchdringen sich Pragmatismus und Leidenschaft. „Ich bin absoluter Plattenfan, schon des Formats und des Covers wegen. Für mich ist es ein Graus, Musik auf MP3 Files zu reduzieren. Ich finde es interessant auf dem Cover all die Informationen über die Musik und ihre Einflüsse zu lesen bzw. Informationen über das Coverartwork zu kriegen, denn all das trägt zu dem Bild bei, das man von einem Künstler hat. Aber ich bin auch kein CD-Hasser. Ich habe viele CDs zu Hause, denn sie sind bedienungsfreundlicher. Für mich als Produzent sind sie auch soundtechnisch interessant. CDs kann ich direkt in mein Programm laden und 1:1 mit meinen eigenen Sachen vergleichen.“

Während seiner Produktionen hat Pierre selten Zeit, über die eigenen Tracks hinaus andere Musik zu hören. Er geht jedoch nicht in Klausur und weicht nicht bewusst fremden Klängen aus. Jetzt liegt die Produktion von „Next!“ hinter ihm, und er kann mal wieder ins Plattenregal greifen. „Wenn ich mal Zeit habe Musik zu hören, nehme ich mir am liebsten eine Kiste mit Singles und mache mir einen kleinen Mix. Das ist in Jamaika immer noch das Standardmedium von Reggae und Dancehall. Zum Beat eines Produzenten gibt es eine Selection von drei bis zehn Singles, wo verschiedene Bands oder Sänger ihren Track auf diesen Beat legen. Du kannst abends in der Dancehall zwanzig Minuten denselben Beat abfeiern, auf dem dann verschiedene Songs laufen, die du ineinander mixen kannst.“

Am Ende bleibt Pierres Plattensammlung ein privates Rückzugsgebiet. Viele Platten sind zugleich persönliche Erinnerungen. Der Mix, der sich in seinem Kopf vollzieht, geht indes weit über seine Platten hinaus, und der Mix von Seeed ist doch eher einer Mischung von Charakteren und Persönlichkeiten geschuldet als den Platten der elf Bandmitglieder.

Text: Wolf Kampmann

p. 2 / 2 1 2  Ende Feature Cheb Balowski