Spielst du auch in einem religiösen Kontext, bei den Mevlana-Ritualen zum Beispiel?
Eine sehr interessante Frage. Diese Woche waren wir in Konya und in dieser Woche ist auch der Todestag von Mevlana, am 17.12., er allerdings sah das als seine Hochzeitsnacht an. Die Zeremonien dazu dauern in Konya die ganze Nacht an und die sind ganz traditionell und klassisch. Inmitten dieses Trubels kamen dann wir von der ganz anderen Seite des Spektrums. Die Leute haben fantastisch darauf reagiert. Ich selbst mache keinen Unterschied zwischen ihrer und unserer Musik.
Wir sprechen noch von Al-Rûmi, aber nicht unbedingt in einer religiösen Weise, denn ich bin nicht wirklich eine religiöse Person im Sinne der Institution. Für mich hat Glaube mit einem inneren Raum zu tun, wohingegen die meisten religiösen Institutionen dem menschlichen Fortschritt hinterherhinken. Sie können die Fragen der jungen Generation nicht beantworten. Doch der Glaube in deinem Herzen ist zeitlos, mit der Musik rühren wir daran. Wir spielen heilige Musik an unerwarteten Orten und das ruft eine fast schockartige Wirkung auf die Leute hervor.
Wenn du in eine Moschee oder eine Kirche gehst, dann bereitest du dich im Innern auf diesen Gang vor, wenn dich eine spirituelle Erfahrung aber unerwartet trifft, dann bist du nackt und die Wirkung ist viel direkter. Letzte Nacht haben wir in Izmir in einer Bar gespielt und da waren jede Menge junger Leute. Mein Set war härter, elektronischer, mehr Richtung DJ-Set. Dann gingen wir in eine Richtung mit mehr Ambient-Sound und ich spielte Ney und die Leute veränderten sich plötzlich, einige fingen an zu weinen. An diese Art von religiöser Idee bin ich interessiert.
Gestern haben die Politiker in Brüssel beschlossen, dass mit der Türkei nun Verhandlungen für eine Aufnahme in die EU beginnen sollen. Es ist sehr interessant, von dir, der du ja nun in Montreal beheimatet bist, eine Antwort darauf zu bekommen, was sich für die Türkei und ihre Kultur, ihre Musik ändern würde, wenn das Land in die europäische Gemeinschaft integriert werden wird.
Ich denke, es wird sowohl für die Türkei als auch für die EU positive Auswirkungen haben. Ich bin jemand, der an das glaubt, was John Lennon gesagt hat, er wünschte sich, es gäbe eine Welt. Es ist eine Schande, dass die Leute verschiedener Kulturen nicht frei herumreisen können, sich treffen und miteinander reden. Zu sehen, dass Europa ein großes Land wird, ist ein positiver Moment. Eine fantastische Gelegenheit auch für ein Land, dessen Einwohner zu 99 Prozent Muslime sind und in dem ein demokratisches System im Einklang mit dem Islam funktioniert und es ist gut, dem Rest des Nahen Ostens so zu zeigen, dass Europa kein exklusiver Christen-Club ist, sondern eine zivilisierte Organisation, die jedem gegenüber eine offene Geisteshaltung an den Tag legt. Ich denke, dass die Türkei schließlich ein Teil der EU werden wird, um 2015 herum.
Als Künstler muss ich sagen: Ich habe nun einen kanadischen Pass und kann mich frei bewegen. Als ich aber noch ein türkischer Künstler war und eine Einladung zum Beispiel aus Deutschland bekam, konnte ich nicht gehen, da ich kein Visum bekam, viele Kollaborationen sind daran gescheitert. Auch heute ist es noch schwierig, wenn ich meine Band in den USA oder Kanada auf Tour bringen will.
In den letzten fünf Jahren hat die Türkei viele unglaubliche Wechsel vollzogen, nun ist es Zeit das zu verdauen. Man kann zwar die Verfassung ändern, muss aber der Gesellschaft anschließend erst mal Zeit geben, diese Änderungen zu verdauen. Es ist großartig, das unser Album im Moment Nummer 1 der World Music Charts ist, und dass Sertab den Eurovision Song Contest gewonnen hat und dass dies alles die Stereotypen über die Türkei im Westen umkrempelt.
Wenn wir in der EU sind, wird das auch einen Dialog zwischen der Türkei und Deutschland auf einem ganz anderen Level auslösen. Denn die Türken in Deutschland unterscheiden sich beträchtlich von den hiesigen Türken. Die Türken in Deutschland scheinen in einer Lebensweise von vor zwanzig Jahren erstarrt zu sein. As ich in Berlin im türkischen Viertel war, sah ich die Kaffeehäuser und dachte mir: Um Gottes Willen! Solche Kaffeehäuser gab's bei uns in der Türkei als ich 18 war! Die sind wirklich eingefroren in der Vergangenheit. Die haben auch keine Brücken zur deutschen Kultur geschlagen und es gibt eine Polarisierung.
Wenn nun aber die Türkei ein Teil der EU wird und die Türken der jungen Generation sich frei in Deutschland bewegen werden, dann gibt es sicherlich einen Clash mit ihren dort lebenden Landsleuten. Und dieser Clash wird sie aufwecken, wird ihnen zeigen, dass sie in einer Zeit vor 20 Jahren stehen geblieben sind, und dann werden sie sich verändern und Kunst mit anderen Augen zu sehen. Das wird auch den Adaptionsprozess der Deutsch-Türken verändern, das wird eine positive Wirkung auf die deutsche Kultur haben.
Als ich das letzte Mal in Berlin war, hat mich jemand zu einem Fotoshooting in ein Café mitgenommen. Ich kam da rein und da erstarrten die Kartenspieler an ihren Tischen, alle guckten mich an und es war völlig außerhalb ihrer Vorstellungskraft, dass ich ein Türke bin, da ich nicht in ihre Stereotypen passte. Die wissen nichts darüber, wie junge Türken in der Heimat reden, sich bewegen, wie sie sich benehmen. Das ist eine geschlossene Gesellschaft und sie sind apolitisch, wohin gegen meine Generation sehr politisiert war. Wir haben immer über Politik geredet, schon bevor wir uns über uns selbst im Klaren waren, hatten wir schon beschlossen, die Welt und unser Land zu retten, ohne uns vorher um uns selbst zu kümmern.
Die junge Generation hat keinen politischen Plan. Sie haben eine Vorstellung davon, wen sie wählen wollen, aber sie sind nicht bereit, sich in endlose politische Diskussionen zu verstricken. Wenn du sie siehst, denkst du dir: Wie soll es möglich sein, dass diese Leute eine ganz andere Kultur kreieren, die eine gesamteuropäische Relevanz haben soll? Ich denke, das geht. Denn das letzte Mal in Deutschland hatten wir Konzerte in Berlin, Frankfurt und Düsseldorf. Viele der jungen Türken in Deutschland kamen zu uns und waren total enthusiastisch und meinten, sie könnten es überhaupt nicht glauben, dass wir eine türkische Gruppe sind, sie dachten wir kämen aus London oder New York. Wenn wir diesen Dialog noch mehr ankurbeln könne, werden die jungen Deutschtürken in zehn Jahren so entwickelt sein, dass es diese Kulturclashes nicht mehr geben wird. Deshalb wird es ein großes Plus sein für Deutschland, wenn die Türkei in die EU kommt.
Interview: Stefan Franzen, Istanbul 18.12.2004
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