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Kannst du erläutern, mit welchen Musikern du auf dem Album arbeitest und welche mit dir gleich auf der Bühne stehen werden?
Die meisten von ihnen leben hier. Mira, unsere whirling dancer, kommt aus Vancouver, Hugh Marsh, der Geiger, ist auch Kanadier, aber er ist diese Nacht nicht bei uns, und ich lebe in Montreal und Istanbul. Die Idee des Ensembles gefällt mir sehr gut, Musiker kommen speziell für dieses Projekt zusammen und gehen dann wieder ihren eigenen Weg. Das impliziert bestimmte Herausforderungen.
Die Musiker auf dem Album Su sind ziemlich jung und ich reise mit ihnen auch in Nordamerika. Das war sogar für mein Management etwas schockierend. Ich hatte früher mit exzellenten Musikern gearbeitet, die so alt wie ich oder gar älter waren. Dann sagte ich, ich will mit diesen Kids arbeiten. Einer von ihnen, Aykut Süto'lu, war 14, als wir anfingen, mit ihm zu arbeiten, die Perkussionisten sind 18 und 20. Mein Ziel ist es, der jungen Generation Möglichkeiten zu geben, alle drei Musiker kommen aus Roma-Familien, sie haben keine akademische Erziehung, sind aber unfassbar brillant. Sie erinnern mich an meine Jugend. Ich war nicht so talentiert wie sie, habe mich aber ähnlich durchgebissen wie sie.
Als Kontrapunkt haben wir Göksel Baktagir, der in meinem Alter ist und an der Istanbul Technical University doziert. Er ist der beste Qanun-Spieler der Welt und hat von der UNICEF 2004 einen Preis bekommen, 250 Kompositionen gehen auf sein Konto. Dieser unterschiedliche Background der Musiker kreiert eine wunderbare Herausforderung für jeden. Wir werden heute nacht kein festes Set von Stücken haben, sondern einfach spontan auf das Publikum reagieren.
Wenn du deine zwei Heimatstädte vergleichst - Montreal und Istanbul - was bieten sie dir jeweils, was ist das Eigenartige an ihrem kulturellen Hintergrund?
Ich sehe mich immer mehr als einen tanzenden Derwisch. Einer ihrer Füße bildet das Zentrum, mit dem anderen reisen sie, während sie sich drehen. Ich bin in der Türkei geboren worden und hier liegt meine sich ständig erneuernde Inspiration, darum komme ich auch immer zurück, auch wenn ich in Kanada seit mehr als 15 Jahren lebe. Das hat nichts mit Nationalismus zu tun, aber hier ist mein Herz. Die Inspiration, die ich hier erhalte, ist manchmal wirklich chaotisch und ich muss sie verdauen, alleine sein. Dafür ist Montreal der perfekte Ort. Diese Dualität mag ich.
Einer der Hauptunterschiede zwischen den beiden Städten, auch wenn Montreal wohl die europäischste Stadt Nordamerikas ist, ist die Dauer ihrer Geschichte. Wenn man in Montreal ein Gebäude sieht, das zweihundert Jahre alt ist, dann ist das schon unglaublich, hier stolpert man ständig über 3000 Jahre alte Mauern. Das Gefühl für Zeit und Geschichte in der Türkei ist phänomenal. Du kannst hier im gleichen Garten eine Synagoge, eine Moschee und eine christliche Kirche sehen, das ist fantastisch, diese multiplen Schichten der Kultur.
Ich will hier in der Türkei zwar mit traditionellen Musikern arbeiten, will mich aber nicht mit etwas aufhalten, was schon mal gemacht worden ist. Darum spiele ich keine rein traditionelle Musik. Als Künstler habe ich eine weitergehende Verantwortung als die eines Fotokopierers. Der große Sufi-Meister Al-Rûmi sagte: Die Geschichte, die gestern erzählt wurde, muss dort bleiben. Heute muss eine neue Geschichte erzählt werden. Wenn du eine alte Geschichte erzählst, muss sie zumindest mit einer neuen Sprache aufgerollt werden. Das ist unser Ziel, und deshalb erreichen wir so viele verschiedene Leute. Leute mit Kopftuch genauso wie Clubgänger.
Montreal gibt mir also mit meiner elektronischen Musik und seiner Urbanität eine innere Ruhe, während in Istanbul die Sufis mich mit ihrem hellen Licht erfüllen. Ich muss mich nicht mehr anstrengen, die beiden Pole zu verknüpfen, denn für mich sind sie nicht mehr separat, sondern auf natürliche Weise schon verbunden.
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