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Bezieht ihr euch auch auf Musik der Anden? Ab und an hört man auch ein Charango heraus...
Acho Estol: Ja. Besonders als ich jünger war, habe ich diese Musik geliebt. Ich spielte diie Quena-Flöte, Sikus (Panflöten) und Charango. El Camba war eine sehr gute Möglichkeit, diese Instrumente einzusetzen, da es aus Bolivien stammt. Wenn Du die Musik der Anden untersuchst, dann merkst Du, wie wenig sie verwandt ist mit den anderen Stilen, die wir spielen, denn sie ist quasi eine Ureinwohnerin. Sie ist wie ein entfernter Cousin, aber für mich persönlich macht das keinen Unterschied, denn das ist die Musik, mit der ich aufgewachsen bin und sie liegt mir sehr am Herzen. Wir haben dokumentarische CDs über die Musik aus dem Norden mit Charangos und Quenas, sehr schlechte Aufnahmen, aber so ist es oft: Je schlechter die technische Qualität der Aufnahme, desto besser der Ausdruck. Es gibt viele Geräusche auf den Einspielungen, Kinder, die im Hintergrund schreien, aber der Geist dieser Musik ist unglaublich stark, es bewegt einen unheimlich. In Zukunft werden wir uns wohl mehr mit dieser Musik beschäftigen.
In Dolor Wolof erzählt ihr die Geschichte eines Schwarzen, der Milonga spielt. In welchem Maße haben die Schwarzen zur Entwicklung des Tango beigetragen?
Acho Estol: Wir denken eine Menge. Es gibt in Buenos Aires Leute, die behaupten, dass die Schwarzen nichts mit Tango zu tun haben, und zwar einige Akademiker. Dabei ist es offenkundig, dass Tango viel afrikanisches Blut in sich trägt. Im 19. Jahrhundert waren viele Schwarze in Buenos Aires, die Mehrzahl der Musiklehrer war schwarz oder zumindest Mischling. Viele unter den ersten Tangokomponisten waren schwarz, wie A. Rosando, der 1897 El Entreriano geschrieben hat. Auch in der Musik selbst sieht man das. Der Habanera-Rhythmus stammt ursprünglich aus Afrika, von da machte er sich auf den Weg nach Andalusien, von dort nach Kuba und die Karibik, von dort zurück nach Spanien. Auch die Worte Tango, Milonga, Candombe sind afrikanischen Ursprungs. Wir sind überzeugt, dass es eine afrikanische Komponente im Tango gibt.
Als wir in Afrika auf Tour waren hörten wir die Polyrhythmen und erkannten nicht nur Tango, Candombe und Milonga, sondern ebenso Chacarera und andere unserer Rhythmen, die in der afrikanischen Volksmusik eine exakte Entsprechung haben. Die afrikanischen Sklaven wurden nach Peru gebracht und unsere Chacarera kommt ursprünglich aus Peru. Wenn man also der afro-peruanischen Musik zuhört, dann ist das wie der missing link zwischen der afrikanischen Musik und uns. Ich bin völlig davon überzeugt, dass jegliche Musik in Südamerika afrikanische Komponenten in sich trägt.
In Dolor Wolof geht es aber auch um Rassismus, den der Protagonist zu ertragen hat.
Acho Estol: Das spielt auf eine Erfahrung an, die die Schwarzen vor 100 Jahren in Buenos Aires gemacht haben. Heute findet man keine Schwarzen mehr in Argentinien und niemand weiß, warum eigentlich. Im 19. Jahrhundert gab es viele afrikanische Sklaven in Argentinien, dann wurde recht früh ihre Freiheit proklamiert, so um 1815. Die Schwarzen blieben zunächst und hatten eine Menge Jobs. Es gibt etliche Theorien: Eine besagt, dass gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Immigranten aus Italien und Spanien die Schwarzen verdrängt haben, ihre Arbeitsstellen übernahmen und sie nach Brasilien oder Uruguay auswandern mussten. Eine andere Theorie besagt, dass sie in den Krieg gegen Paraguay geschickt wurden, wo viele von ihnen getötet wurden. Eine dritte Theorie stützt sich auf das Gelbfieber, und besagt, dass aus genetischen Gründen gerade die Schwarzen hingerafft wurden. Es ist wirklich ein Mysterium. Tatsache ist, dass keine Schwarzen mehr in Buenos Aires sind, auch wenn sie zu den wahren Schöpfern des Tango gehören. In Dolor Wolof erzähle ich die Geschichte eines Schwarzen, der die Stadt verlassen muss, da er nicht mehr unter Seinesgleichen ist, es gibt keinen Platz mehr für ihn als Musiker, da der Tango institutionalisiert und elegant geworden ist, eine Sache der Weißen, und er kann ja nicht einmal Noten lesen. Er muss also nach Uruguay gehen. Und da gibt es auch die Parallele zu seinen Vorfahren, den Wolof aus Westafrika, die zwei oder drei Jahrhunderte zuvor gefangen wurden und in ein Schiff nach Amerika verfrachtet wurden, auch sie wurden aus ihrer Heimat entwurzelt.
Zum Schluss noch zu einer völlig anderen Ecke der Welt: Immer wieder gibt es auf dem neuen Album chinesische Instrumente, wie zum Beispiel die Geige Erhu. Und im Stück Muñequita China offenbart sich auch im Text eine besondere Beziehung zu China...
Acho Estol: Was den Text betrifft: Als wir in Kambodscha im Dschungel waren, hatte ich eine Art Vision von einer Atmosphäre zwischen Joseph Conrads Herz der Finsternis und dem Film Apocalypse Now. Ich stellte mir vor, wie Martin Sheen, anstatt Marlon Brando zu töten, sich in ein chinesisches Mädchen verliebt. Das steckt hinter der Liebesgeschichte, die in diesem Song erzählt wird. Zu dem Instrument: Ich spiele die Erhu sehr schlecht, aber ich habe sie in die Arrangements integriert, um damit eine besonderer Farbe zu erzeugen. Auch das trägt dazu bei, wie ich schon vorher erwähnte, die Grenzen des Tango-Genres zu öffnen. Um der Welt zu zeigen: Man kann Tango spielen ohne diesen ganzen Orchestersound!
Interview: Stefan Franzen
review: La Chicana - Tango Agazapado
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