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Würdest du also sagen, dass die Lyriker des alten Tango dich beeinflussen?
Acho Estol: Ja, ich mag Alfredo Lepera sehr, der sehr poetisch in einem klassischen Sinne war. Aber ich schätze auch Enrique Cadícamo und Enrique Santos Discépolo, letzteren mag ich wegen seiner existentialistischen und philosophischen Färbung. Er konnte die ganze Zeit von Gott sprechen, über die Ungerechtigkeit des Universums und von dort zu einem ganz kleinen Detail überleiten und die Frustration, die schließlich therapeutisch in einen Witz mündet. Auf der anderen Seite hat mich aber auch die offene Geisteshaltung eines John Lennon beeinflusst, der mit seinem Geist wie in einem Flugzeug abhob. Ich mag es, in meiner Poesie die verschiedenen Ebenen zu vermischen, einmal etwas esoterisch und kosmisch zu sein, und dann wiederum zu sehr erdverbundenen und menschlichen Sachen zurückzukehren. Wichtig für mich ist auch Tom Waits, den ich als Tangopoeten charakterisieren möchte, denn er beschreibt diese ganzen Stories über die kleinen Leute, die niemals totale Loser sind, sondern immer eine zärtliche, empfindsame Seite haben, eine Seite, die auch Dich zu einer besseren Person machen kann. Selbst wenn er über einen Mörder spricht, kannst Du etwas heraushören, was für Dich persönlich eine Lektion sein kann.
Was ist mit deiner Affinität zu Brecht und Weill? Ihr habt sogar ein Stück von ihnen auf der CD neu interpretiert?
Acho Estol: Ich bin kein ausgewiesener Experte in Bertold Brechts Dichtung, obwohl ich eine Menge davon kenne und gelesen habe, in englischer Übersetzung, denn ich denke sie ist enger am Original als die spanische Übersetzung. Aber ich fühle mich Kurt Weill sehr verwandt, ich liebe seine Musik und habe mich intensiv damit beschäftigt. Die Musik habe ich durch aktuelle Interpreten wie Ute Lemper kennen gelernt, habe aber auch alte Aufnahmen von Lotte Lenya.
Für uns ist Tango ein sehr urbanes Phänomen. Auf eurer CD findet man aber auch Klänge, die überhaupt nicht städtisch sind, zum Beispiel geht es in den Zeilen von Chamaritta del chamán um einen Voodoo-Background.
Acho Estol: In diesem Song wollte ich über das aktuelle Phänomen des Aberglaubens sprechen. Heutzutage nennen sich alle möglichen Leute Schamane, und irgendwann merkst Du, dass da etwas Zwielichtiges dahinter steckt und dass einfach jemand hinter Deinem Geld her ist. In den Städten siehst Du eine Menge Aberglaube ohne jegliche Spiritualität. In diesem Song wollte ich von der wahren Spiritualität sprechen, die in der Natur existiert, für die Du keinen Schamanen brauchst, um sie dort zu finden.
Aber was den allgemeinen Einfluss der ländlichen Traditionen in unserer Arbeit angeht: Das hängt mit dem zusammen, was ich Dir vorhin schon über Gardel gesagt habe, der sich nie auf Tango ausschließlich kapriziert hat. Auf seinen Europa-Tourneen hat er auch stets Gaucho-Songs im Programm gehabt, um auch diese Seite von Argentinien zu repräsentieren. Tango und Milonga stehen auch für die Pampa. Als die Gauchos in die Städte kamen, um Arbeit zu finden, haben sie ihre Gitarren und die Pallador-Musik mitgebracht, die Milonga Surera, die eine der Zutaten der Tango-Geschichte darstellt. Tango ist also von seiner Historie her nicht völlig urban. Er hat seine afrikanischen Wurzeln, seine Pampa-Wurzeln und sich dann in der Stadt entwickelt.
Lass uns über ein paar andere Stücke sprechen, die diesen ländlichen Touch haben, wie z.B. El Camba, das hört sich für mich wie ein Volkslied an.
Acho Estol: Oh ja, es ist in der Tat ein Volkslied, ein sogenannter Taquirari aus Bolivien, der von Gerardo Rojas geschrieben wurde. Wir haben ihn aus einem Livemitschnitt vom uruguayischen Sänger Alfredo Zitarrosa gelernt, der viele Milongas gesungen hat, Pampa-Milongas und auch ein paar Tangos, er war ein exzellenter Sänger und Gitarrist. Auf der Konzertaufnahme erzählt er, wie er in Bolivien gestrandet war und kein Geld für eine Rückfahrkarte hatte, deshalb hatte er Zeit, eine ganze Weile Musik zuzuhören, die er zuvor nie gehört hatte. Dies war einer der Songs, den er im Ostteil Boliviens kennen gelernt hatte. Er gibt zu, dass er den Taquirari-Rhythmus nicht gut kennt, ein wirklich seltsamer und schwieriger Rhythmus, also nähert er sich in seiner Interpretation eher der Cumbia an. Wir folgen seiner Version, denn auch wir lieben die Cumbia. Bei uns hört es sich ein wenig so an, als würde ein Tango-Orchester Cumbia spielen. Später haben wir herausgefunden, dass dieser Song für Leute, die in den Siebzigern gegen die Militärdiktatur gekämpft hatten, für die Hippies, fast eine Art Hymne war. Wir haben Liliana Herrero gebeten, den Song mit uns zu singen und sie zögerte erst, sagte, dass das ein sehr obskurer Song sei. Als ich ihn ihr dann vorspielte, sagte sie: Natürlich, ich kenne dieses Lied, wir haben ihn immer am Lagerfeuer gesungen, als wir Hippies waren! Es ist ein sehr alternativer Song, denn es geht um einen Typen, der sich betrinkt, dem es egal ist, ob sein Boss ihn schlagen wird, weil er nicht zur Arbeit kam, er will einfach frei sein, und zu seinem Dorf zurückkehren.
Mein Lieblingsstück auf der CD ist Ayer Hoy Era Mañana. Das erinnert mich ein wenig an die Musik des Akkordeonisten Chango Spasiuk aus dem Norden Argentiniens, an den Chamamé-Stil*. Seid ihr vom Chamamé beeinflusst?
Acho Estol: Ja, wir lieben Chamamé. Auf unserem ersten Album gibt es einen Chamamé und dieses erste Album trägt auch den Namen Ayer Hoy Era Mañana (Gestern war heute morgen), er ist eine philosophische Reflexion. Wir haben Chamamé immer gemocht, auch andere Folklore-Rhythmen. Auf dem zweiten Album gibt es zum Beispiel eine Chacarera**, die wir Lucho en el suelo con diamantes genannt haben, eine Art Parodie auf Lucy In The Sky With Diamonds. Auf diesem Album nun haben wir diesen Song Ayer Hoy Era Mañana aufgenommen, den ich als Acid-Chacarera bezeichnen würde, der Song passt in kein vorgefertigtes Genre-Schema mehr, aber er trägt immer noch Anklänge an Chamamé und Chacarera in sich mit seinen dynamischen Ups and Downs.
Uns kommt es darauf an zu zeigen, dass man Tango und diese Art von Musik zugleich spielen kann. Das ist bisher unerhört gewesen. Dolores singt mit der gleichen Stimme, ohne sich zu verstellen oder affektiert zu klingen, sowohl Tangos als auch Folklore-Stile, weil sie immer sie selbst ist. Und das zeigt letztendlich, dass die Stile so verschieden doch nicht sind, denn die Chamamé- und Chacarera-Jungs spielen ja auch Bandoneon neben dem Akkordeon. Das ist unser Statement: Tango zu vereinbaren mit Folklore und moderner Lyrik.
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