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Jazz thing 51
Magazin für Jazz

Rokia Traoré. Akustischer Seiltanz [6/7]
 

Haben Sie in Mali einen Draht zur Jugend aufbauen können?

Sie können die Cassetten kaufen, ja. Ich habe ein sehr junges Publikum und es gibt ein Kontakt zwischen ihnen und mir.

 

Sie sind keine Griotte, trotzdem geben Sie den Leuten Ratschläge, Sie sind moralisch und ethisch geprägt in Ihren Texten. Haben Sie da nicht auch ein wenig die Aufgabe der Griots angenommen

Die Rolle des Griots ist von Ethnie zu Ethnie verschieden und sie wechselt auch. Für die Malinke waren die Griots diejenigen, die auf alles, was das Wort betraf, federführend waren, sowohl im gesprochenen als im gesungenen Wort. Für die Bamanan oder die Wassoulou gilt das nicht, dort haben von Alters her nicht nur die Griots das Recht zu singen. Was aber in allen malischen Kulturen verankert ist, ist, dass Musik nicht gratis statt findet und stets mit einer Botschaft verknüpft ist. Ich hätte Schwierigkeiten, ein Lied einfach zur Unterhaltung zu komponieren, trotzdem habe ich kein Bestreben die Griots zu imitieren, das kann ich auch nicht. Da kann es auch keine Verwechslungen geben, denn das Griot-Sein ist eine Frage der Geburt und des Aufwachsens, man kann nicht improvisieren, ein Griot zu sein durch Improvisation. Und ich habe diese Kultur nicht.

 

Das Stück „Nienafing“ haben Sie den Völkern Malis gewidmet und Sie spielen darauf an, dass es in Mali keine Vorurteile zischen den Vertretern verschiedener Religionsgruppen gibt - Mali als Paradies im Vergleich zu den Bürger- und Religionskriegen in anderen Ländern des Kontinents?

„Nienafing“ bedeutet Nostalgie. Ich werde mir im Text dessen bewusst, was ich nicht habe, was mir fehlt, wenn ich nicht in Mali bin. Ich habe mich entschieden, in diesen Zeilen Mali aus dem angenehmsten Blickwinkel zu sehen, denn wenn man nicht dort ist, dann vergisst man die schlechten Seiten und bekommt Heimweh. Es geht um all das, was ich nicht ersetzen kann, wenn ich woanders bin. Und es stimmt: Vor allem zwischen Christen und Muslimen gibt es keine Vorurteile. Mit den Animisten ist es so eine Sache. Wir haben zwei Religionen angenommen, zuerst die muslimische, dann die christliche durch die französische Kolonisation. Jedes Mal hat man uns gesagt: „Ihr lebt wie die Wilden. Lasst von eurem Fetischismus ab. Da ist ein Prophet gekommen, dem ihr folgen müsst.“ Man sagte uns, wir sollten an einen einzigen Gott glauben. Ein großer Teil des Nordens ist bekehrt worden, aber im Süden hängen viele Regionen auch jetzt den Naturreligionen an.

Der Glaubenskrieg war noch nicht zu Ende, als die weißen Kolonisatoren eingetroffen sind. Auch die haben uns gesagt: „So wie ihr lebt, ist das nicht richtig.“ Durch die französische Verwaltung und Sprache haben wir dann die christliche Religion vermittelt bekommen. Die Naturreligion hat schließlich einen schlechten Ruf erhalten, in vielen afrikanischen Ländern gibt es einen Minderwertigkeitskomplex, der während der Kolonisation in die Köpfe eingepflanzt wurde. Der Animismus ist keine Religion, mit der man sich brüstet, aber dennoch kehren viele Leute zum Animismus zurück, gehen zum Fetischzauberer, zum Marabout, um seinen Rat einzuholen, aber niemand wird es öffentlich zugeben. Auf jeden Fall ist in Mali zur Zeit absoluter Frieden. Muslimen und Christen haben freilich Respekt voreinander, die Muslime haben immer die Tendenz, alle konvertieren zu wollen, aber es bleibt freundlich, niemand ist aggressiv. Es gibt sogar oftmals Ehen zwischen Christen und Muslimen.

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