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Jazz thing 51
Magazin für Jazz

Rokia Traoré. Akustischer Seiltanz [5/7]
 

Kommen wir zu ein paar Stücken auf dem neuen Opus. „Kôté Don“ ragt hier zum Beispiel heraus. Sie erzählen im Text von einer Jugendlichen und dem Tanz namens Kôté, ist der speziell ein tanz der Jugend?

So ist es. „Kôtê“ bedeutet Schnecke. Man tanzt ihn im Kreis und die Frauen bilden im Inneren einen Kreis für sich, die Männer umgeben sie und machen akrobatische Einlagen, tanzen dabei in gegenläufiger Richtung, das sieht sehr schön aus. Der Tanz kommt aus Bélédougou, ist ein traditioneller Tanz der Bamanan, den man nirgendwo anders kennt, schon gar nicht in Bamako. In diesem Stück geht es um eine Verwirrung, die ich anstifte, es ist eine Art Spottlied. Ich spreche mit der Stimme eines modern orientierten jungen Menschen davon, wie man den traditionellen Kôtê tanzt, gleichzeitig aber äußert er seine Kritik an statischen Traditionen, im Refrain kehrt dann immer wieder die Aufforderung wieder, dass man die Zeit der Jugend nutzen soll, da sie nicht für immer währt und man deshalb den Tanz der Jugend, den Kôtê tanzen soll.

Das Stück steht stellvertretend für die Verwirrung, die ich bei den Maliern angerichtet habe und die in der Tatsache begründet liegt, dass ich zwischen einer traditionellen und einer modernen Kultur hin- und herreite. Ich mokiere mich zugleich über einen Jugendlichen, der gerne ausdrücken möchte, dass er, obwohl man ihn als verloren, als verwestlicht behandelt, sehr wohl in der Lage ist, zu traditionellen Dingen wie dem Kôte zurückzukehren - doch in Wahrheit ist es so, dass viele Jugendliche aus den Städten vorgeben, traditionell orientiert zu sein, obwohl sie über ihre ursprüngliche Kultur überhaupt nicht mehr Bescheid wissen.

 

Was für ein Verhältnis haben Sie als in Europa aufgewachsene Afrikanerin zu den Traditionen Ihrer Heimat?

Traditionen, die sich nicht bewegen, schaffen Konflikte. Die Leute, die versuchen, diese unbeweglichen Traditionen anzuwenden, werden sich bewusst werden müssen, dass sogar sie selbst sich in der Zwischenzeit verändert haben. Sie reden die ganze über traditionelle Werte, aber richten sich selbst auch nicht danach. Eine Kultur bewahren heißt nicht, sie zur Salzsäule erstarren zu lassen. Das hieße, nur gegen die Leute vorzugehen, die Lust haben, sie voranzutreiben, also gegen die Jungen. Vorzuziehen wäre es, eine Kultur sich entwickeln zu lassen, sie als Gerüst zu begreifen und Einflüsse aus anderen Kulturen zu erdulden.

 

Was erscheint Ihnen statisch in der Kultur der Bamanan?

In der Tradition der Bamanan wie in anderen Traditionen und Kulturen liegt es nur an bestimmten Personen, die oft die Garanten der Kultur sind, dass sie statisch bleibt und sich nicht für andere Einflüsse öffnet. Muslime wie Christen haben das Bestreben ihre Tradition zu wahren. Auch in den weniger religiös orientierten Gemeinschaften ist diese Tendenz immer da. Warum gibt es in jeder Kultur Rassismus? Man sagt, er wurzle in der Ignoranz, aber es liegt auch die Angst darin, Zeuge zu werden, wie die eigenen Gewohnheiten sich verändern und die des anderen übernehmen zu müssen. Jeder möchte in seiner Geschichte bleiben, aber das geht im Zeitalter der Kommunikation nicht mehr.

Was wir aber in Afrika momentan erleben, ist kein Austausch von Kultur, es ist ein Aufdrücken europäischer Gewohnheiten. Überall in Afrika wird heutzutage Weihnachten gefeiert, selbst in den islamisch dominierten Regionen, auch Leute, die den Sinn von Weihnachten nicht im mindesten verstehen. Man sieht, wie konservative Muslime kritisieren, dass die Leute Weihnachten feiern. Das nur stellvertretend für viele Adaptionen in unserer Kultur. Unsere eigene Kultur verschwindet rapide. Besonders in den Städten ist die Jugend verloren, sie wissen nicht mehr, wer sie zuvor waren. Aus ihnen werden Dummköpfe ohne Zielrichtung. Das kann ich nicht gutheißen.

Aber ich bin eine offene Person, respektiere alle Kulturen und es schockiert mich nicht, wenn zwei Kulturen aufeinander treffen, denn heute gibt es auch Austausch. Wenn eine Begegnung unter dem Vorzeichen des Austauschs stattfindet, dann wird es automatisch etwas vorwärtsbringen. Ich wende mich nicht speziell gegen die Konservativen und Traditionalisten der Bamanan. Generell wirft man der Jugend ihre Lust an Veränderungen vor, denn - im Falle Malis - gehen sie in die Schule, und dort lernen sie das genaue Gegenteil dessen, was sie von ihren Wurzeln her sind. Ihre Eltern können ihnen nicht mehr folgen, das schafft Konflikte. Ich hingegen glaube, dass es möglich wäre, sie heranwachsen und fortschreiten zu lassen, und ihnen zugleich zu vermitteln, woher sie kommen, und ihnen somit zu ermöglichen, zu einer Ausgewogenheit, einem eigenen Gleichgewicht zu gelangen. Das ist auch die Vorhaltung, die die Jugendliche in meinem Text macht.

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