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Jazz thing 51
Magazin für Jazz

Rokia Traoré. Akustischer Seiltanz [2/7]
 

Bevor Sie Ihr neues Album in Angriff genommen haben, haben Sie neue Vokaltechniken erlernt. Können Sie erzählen, wo Sie sich die angeeignet haben und inwieweit Sie bei den Aufnahmen für „Bowmboï“ davon profitieren konnten?


Die Gesangskurse haben sich in mehreren Etappen vollzogen. Zuerst habe ich Unterricht bei einem belgischen Lehrer genommen, da habe ich schon einiges gelernt, vor allem aber hat es Appetit auf mehr gemacht. Das war schon kurz nach den Aufnahmen zu „Mouneïssa“. Das Problem beim Gesangsunterricht ist generell Folgendes: Von dem Moment, wo man mit dem Unterricht beginnt bis zu dem Moment, in dem man alles versteht, um es anwenden zu können, vergehen drei Jahre, selbst bei täglicher Übung.

Anschließend habe ich also an einem anderen Ort meine Studien weiterbetrieben, er nennt sich Studio de Variété in Paris, eine Institution, die Leuten hilft, die schon professionell arbeiten, die sich aber spezialisieren und besser verstehen wollen. Sie stellen auch Kontakte her zwischen Gesangslehrern, Musiktheoretikern, Lehrern für Komposition und Textdichtung. Dort habe ich mit Geraldine Ross gearbeitet. Zwischenzeitlich hatte ich auch Probleme mit meiner Stimme, ich hatte Knoten auf den Stimmbändern, was vielen Sängerinnen passiert. Denn wenn man Gesangsunterricht nimmt, dann gibt es oft Unterschiede zwischen dem eigenen Verständnis, und dem der Lehrer, da letztere oft in Bildern reden, z.B.: „Stell dir vor, du bist auf einer Wolke.“ Das birgt die Gefahr, dass man die Techniken schlecht oder falsch anwendet und sich verkrampft, wie es bei mir der Fall war.

Die gesamte Tour zu „Wanita“ habe ich mit Stimmproblemen absolviert. Zu diesem Zeitpunkt habe ich dann gelernt, wo ich meine Stimme hinlenken kann und was ich nicht machen darf. Denn ich hatte systematisch meine Stimme verloren, ich konnte mich nicht mal mehr mit Leuten unterhalten, erst auf der Bühne, wenn ich eine bestimmte Technik benutzte, konnte ich sie wieder einsetzen. Erst später habe ich herausgefunden, was die Lehrer mir eigentlich sagen wollten. Ich bin zu einem Logopäden gegangen, kurz bevor ich mich sogar einer Operation an den Stimmbändern unterziehen musste. Doch zu dieser Zeit habe ich es geschafft, alle erworbenen Kenntnisse anzuwenden und mir auch bewusst zu werden, dass ich zum Beispiel nicht die Uhrzeit meiner Mahlzeiten wechseln durfte, ich habe gemerkt, welche Speisen mir überhaupt nicht bekamen.

All diese Probleme haben mir geholfen dieses Instrument namens Stimme zu begreifen und herauszufinden, wie ich besser von ihr profitieren kann. Und ohne meine Gesangsstunden hätte ich nie begriffen, dass es einen großen Unterschied gibt zwischen dem Aufnehmen eines Albums mit ein paar anschließenden Konzerten zum Spaß, ganzjährigem Touren und die Musik zu seinem Beruf zu machen. Das kann man nur schultern, wenn man seine Stimme unter Kontrolle hat. Heute fürchte ich mich nicht mehr davor, meine Stimme zu verlieren oder sie zu ermüden. Ich kenne mich besser und meine Stimme ebenso, kann sie nun wie eine professionelle Sängerin einsetzen.

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